Die klassische Unternehmensberatung steckt in einer Sackgasse! Nein, kein verfrühter Aprilscherz. Das Consulting, wie wir es heute kennen, muss sich transformieren, um mit einer volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Welt Schritt halten zu können. Eine gewagte Aussage in Zeiten. Eine, die irritiert, aufstachelt, Gegenargumente provoziert. Aber auch eine, die Neugierde weckt. Und da ich alternativen Perspektiven aufgeschlossen gegenüber bin, lud ich kurzerhand Jens Hollmann, Kopf hinter dieser These, in einen Consulting Audio Talk ein.


Herr Hollmann, mit mehr als 25 Jahren sind Sie in der Consulting Branche zu Change Management & Leadership unterwegs: Welchen Wandel in Inhalt und Mensch stellen Sie fest?

Herr Schulz, Danke für die Einladung. Beginnen wir unser Gespräch beim Beratungskunde. Kundenorganisationen durchlaufen aktuell große Veränderungen. Blicken wir hingegen auf die Consulting Branchen, dann müssen wir feststellen, dass sich dort in den vergangenen Jahren wenig getan hat. Einen Lücke tut sich auf. Bisher wurde diese Diskrepanz kaum durch systematische Untersuchungen betrachtet. Die Zeiten wandeln sich. Wissen ist in digitalen Zeiten demokratisiert. Beachtet wurde diese Phänomen bisher jedoch noch nicht.

Die heutige Welt ist VUKA, geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Als erfahrener Consultant: Wie erleben Sie die Beratungsbranche?

Die Industrieunternehmen haben für die vier Fragestellungen der VUKA-Welt individuelle Teillösungen gefunden. Beratungen müssen nun umdenken, ihre bisher am Markt eingesetzte Landkarte ist im aktuellen schnelllebigen Umfeld nutzlos geworden.

Stattdessen müssen Consultants nun ihre Kunden für den Umgang mit dem Kompass befähigen. Mit der Vermittlung dieser Kompetenzen macht sich eine Beratung kurzfristig überflüssig, kann jedoch an einer höheren Stelle einen Mehrwert stiften. Beispielsweise kann Sie den Kunden dazu entwickeln, sich selbst zu beraten.


Mit Jens Hollmann im Consulting Audio Talk – Interview Audiomitschnitt

Weshalb befindet sich das klassische Consulting in der Sackgasse? Wie haben sich Beratungskunden seit den 2000er Jahren gewandelt? Alle Details zu Consulting in der VUKA-Welt kannst Du im 33-minütigen Audiomitschnitt nachhören.

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Das heißt: Consulting muss sich ebenfalls ändern. Erklären Sie – was genau?

Schauen Sie einmal 10 Jahren in der Zeit zurück: Thema Nummer 1 für Beratungen damals war das Thought Leadership. Consultants waren Vordenker, gaben Impulse, definierten Trends, zeigten Richtungen auf. Dieses einstige Selbstverständnis der Berater wird im 21. Jahrhundert zum Schiffbruch führen. In einer VUKA-Welt können Berater keinen Welterklärer mehr sein.

Dazu ein Beispiel. Denken Sie bitte an neue Organisationsformen wie New Work – flache Hierarchien, offene Diskussion des Gehalts, maximale  Transparenz. Meine Frage: Wie weit habe Beratungen diese Ansätze für sich eigentlich adaptiert? Teilweise sind die Kundenorganisationen da weiterentwickelt als die vordenkenden Beratungshäuser. 

Erst im Januar diesen Jahres publizierte das Wirtschaftsmagazin Capital eine Bewertung von Consulting Firmen. Plötzlich tauchen dort Häuser auf, die es vor 10 Jahren noch überhaupt nicht gab und die heute in den Kriterien Kundenzufriedenheit, Lösungsorientierung, Karrieremodelle etc. vor den großen Unternehmensberatungen platziert sind. Plötzlich sind neue Player am Markt, die Branche ist im Umbruch.


In einer VUKA-Welt können Berater keinen Welterklärer mehr sein.


Denken Sie nicht, dass Sie mit These „Consulting in der Sackgasse“ etwas zu weit gehen?

Vor zwei Dekaden existierte zwischen Beratungen und Kunden eine starke Informationasymmetrie. Mit Asymmetrie konnten Sie als Consultant Geld verdienen und Reputation aufbauen. Diese Asymmetrie nimmt ab. Heute regiert vielerorts der Ansatz ‚Türschwellen Consulting‘, will heißen: Der Berater weiß an der Türschwelle nicht mehr als sein Kunde, schafft sich dann auf den letzten Schritten in den Raum das erforderliche Wissen ran. Kunden spüren den schwindenden Wissensvorsprung.

Fokussieren Sie nun auf den Beratungskunden. Bisher ging dieser oft davon aus, dass Änderungen immer ‚von draußen‘ zu ihm ins Unternehmen hereingebracht werden. Das wird in heutigen VUKA-Zeiten zum Problem. Kundenorganisationen müssen heute selbst eine Beratungsfähigkeit entwickeln, also über Consulting Mindset, Kultur und Werkzeuge verfügen. Statt dem Externalisieren von überlebenswichtigen Beratungsleistungen sind sie in der Lage sich selbst zu beraten. Das spart Geld, reduziert wertvolle Zeit und geht in der Regel inhaltlich tiefer.

Regelmäßig veranstalte ich dazu mit Kundenorganisationen Selbstdisruptions-Workshops. Zusammen mit Mitarbeitern, Führungskräften und Vorständen prüfen wir, welche Produkte, Dienste, Prozesse etc. disruptiert werden könnten und wer diese wie disruptieren würde. Wichtig bei diesen Selbstzerlegungssitzungen: Alle legen zuvor ihre Besitzansprüche ab und betreten gemeinsam das Gedankengebäude.


Kundenorganisationen müssen heute selbst eine Beratungsfähigkeit entwickeln, also über Consulting Mindset, Kultur und Werkzeuge verfügen.


Letzte Frage. Wo sehen Sie die Zukunft der Unternehmensberatung in den nächsten 5-10 Jahren?

Gerne beantworte ich diese Frage humoristisch. Zunächst möchte ich von Ihnen 15 Datenanalysetage bezahlt bekommen, anschließend 5 Tage zwecks Zusammenstellung der Folien. Nach vier Wochen erhalten Sie dann die erste Prognose von mir…

Spaß beiseite 😉 Die Zukunft der Unternehmensberatung ist zukünftig divers. Ersten werden neue Consulting Spieler mit von der Partie, Firmen die wir heute noch gar nicht kennen. Zweitens werden Kundenunternehmen verstärkt Consulting Fähigkeiten in ihre DNA überführen. Dazu benötigen Sie adaptierbares Beratungswissen, im Idealfall zentral an einer Stelle und mit minimalen Suchaufwand nutzbar. Ihr Consulting Methodenbaukasten zeigt da eine valide Richtung auf. Drittens werden Beratungs- wie auch Kundenunternehmen sich verstärkt in Selbstdisruption üben. 

Herzlichen Dank für das Interview. Eine gute Woche und viele Grüße an die Küsten.

Das Gespräch mit Jens Hollmann führte Christopher Schulz per Videokonferenz am 19. Februar 2020.


Zur Person Jens Hollmann

Jens Hollmann ist ein deutscher Autor und Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt in der Gesundheitswirtschaft. Seit den 1990er Jahren berät der Kunden im Bereich Personal-, Führungs- und Organisationsentwicklung. Jens Hollmann schrieb zahlreiche Bücher, darunter auch das von ihm 2016 herausgegebene Wert Anders wirtschaften: Integrale Impulse für eine plurale Ökonomie. Ein weiteren Podcast zum Thema findest Du hier.

Letzte Aktualisierung am 27.11.2020 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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